Teilhabe, Gemeinschaft und Schutz vor Isolation
Am 13.12.2006 begann die Geschichte der Tagesstätte für ältere Menschen mit psychischer Beeinträchtigung – mit ihrer ersten Besucherin. Das Gebäude, in der späten Weimarer Republik als großzügiges Einfamilienhaus erbaut, wurde von der BRÜCKE zur Tagesstätte umgestaltet. Es entstanden neue sanitäre Anlagen, eine moderne Küche und der rückwärtige Gemeinschaftsraum erhielt eine großzügige, bodentiefe Fensterfront mit Terrassentür zum idyllischen Hinterhof. Das Haus liegt in der von japanischen Kirschbäumen gesäumten Curtiusstraße. Der einladende Vorgarten, der Blick ins Grün des Stadtparks und die besondere Atmosphäre des Hauses bieten älteren Menschen einen Ort, um seelischen Halt zu finden und den Tag in Gemeinschaft sinnvoll zu gestalten.

Aktuell leitet Nicolaus Fischer-Brüggemann die Tagesstätte. „Unsere Besucherinnen leiden meist an einer psychischen Erkrankung, die aufgrund des Alters in vielen Fällen bereits chronifiziert ist“, erklärt der Angebotsleiter. „Oft geht das mit Vereinsamung einher. Erhalten Betroffene nicht rechtzeitig angemessene Unterstützung, kann soziale Isolation je nach Krankheitsbild zu Suizidgedanken, Verwahrlosung, Suchtrückfällen oder auch zu Obdachlosigkeit führen. Alle Besucherinnen möchten aber so lange wie möglich selbstständig in ihrem eigenen Zuhause leben. Damit das möglich ist, unterstützen wir sie darin, die nötigen Fähigkeiten zu erhalten oder wieder zu aktivieren.“ Wie dringend notwendig dieser Schutzraum ist, zeigt die Lebensgeschichte von Doris G. Die heute 66-Jährige arbeitete früher als Altenpflegehelferin und Einzelbetreuerin. Nach einem Herzstillstand wurde ihr Lebensgefährte zum Pflegefall. Sie kümmerte sich mehrere Jahre lang Tag und Nacht um ihn, vergaß sich selbst dabei völlig und funktionierte nur noch. Nach seinem Tod ging sie jeden Tag zum Friedhof. Erst allmählich merkte sie, wie sehr sie das Geschehen mitgenommen hatte und dass mit ihr etwas nicht mehr stimmte: Sie entwickelte eine schwere Depression und Angstzustände. Nach einem Aufenthalt in einer Tagesklinik hörte sie von der Tagesstätte der BRÜCKE. Seit fast fünf Jahren kommt sie nun täglich hierher und engagiert sich mittlerweile als Besucherbeirätin. In der Tagesstätte fühlte sie sich sofort wohl – als wäre sie schon immer da gewesen. Neben dem Besuch der Einrichtung lebt sie weiterhin selbstständig in ihrer eigenen Wohnung.
„Die Gemeinschaft und der Halt in der Tagesstätte geben uns die Kraft, die wir in Lebenskrisen brauchen“
Doris G., Besucherbeirätin
Eine Seniorin betont: „Ich gehe hierhin, weil ich mich hier wohlfühle, und ich könnte mir gar nicht vorstellen, ohne die Tagesstätte zu sein.“ Eine andere ergänzt: „Ich bin hier nicht allein.“ Während psychisch erkrankte Menschen in der Gesellschaft weiterhin Diskriminierung und Stigmatisierung erfahren, bietet die Tagesstätte einen Rahmen für gegenseitiges Verständnis und Unterstützung. Das zeigt auch die Reaktion einer Dame, die zum ersten Mal für einen Probetag da ist. Sie nickt beipflichtend und gesteht: „Genau das wünsche ich mir. Ich neige nämlich dazu, überall immer nur das Negative zu sehen. Vorhin im Bus zum Beispiel habe ich nur hektische und unfreundliche Menschen wahrgenommen, das hat mich gestresst. Auch die Tagespresse zieht mich regelmäßig vollkommen runter.“ In der Tagesstätte lernen die Besucherinnen, solche Krisen abzufedern. Einer Besucherin helfen dabei besonders die Gruppenangebote: „Mir sind die Frauengruppe, die Ressourcengruppe und die Verarbeitung des Tages- und Zeitgeschehens sehr wichtig.“
Stand 2026 hat die Tagesstätte bis zu 25 Nutzerinnen. Einige bleiben nur vorübergehend und schlagen später andere Wege ein. Für viele andere ist sie eine längerfristige Unterstützung am Tag. Das multiprofessionelle Team arbeitet in den Bereichen Sozialpädagogik/Sozialarbeit, Ergotherapie, Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Hauswirtschaft, die sich auch um die Reinigung kümmert. Hinzu kommen ein stundenweise beschäftigter Hausmeister, geringfügig beschäftigte Fahrerinnen, ehrenamtliche Aushilfen und eine FSJlerin. Da bei Menschen über 55 zusätzlich zur psychischen Erkrankung häufig körperliche Einschränkungen hinzukommen, holt der hauseigene Kleinbus einen Teil der Besucherinnen von zu Hause ab. Bei spontanen gesundheitlichen Verschlechterungen wird spezielle Alten- und Krankenpflege notwendig.
Schon die tägliche warme Mahlzeit und ein konstanter Tagesrhythmus tragen erheblich zur psychischen und physischen Gesundheit bei. Den Tag sinnvoll und in Gemeinschaft zu gestalten, stärkt die Selbstheilungskräfte und liefert das nötige Rüstzeug, um mit seelischen Krisen umgehen zu können.
„Wir unterstützen die Menschen dabei, ihre vorhandenen inneren Lebensquellen aufzuspüren und anzuzapfen“, erläutert Fischer-Brüggemann. „Dies gelingt am besten durch positive Sinneserfahrungen wie die (Wieder-)Entdeckung kreativer Fähigkeiten, die Beschäftigung mit Musik, Aufenthalte in der Natur, leckeres Essen und auch positive Zuwendung und Aufmerksamkeit durch Gespräche.“
Die Freude am Tun entsteht durch Gemeinschaft, Erfolgserlebnisse und vor allem durch Freiwilligkeit. Das kreative Arbeiten in der Ergotherapie ist für viele ein fester Anker im Alltag. Auf Basis des mit dem Leistungsträger ausgehandelten Gesamtplans legt das Team gemeinsam mit den Besucherinnen in Einzelgesprächen regelmäßig individuelle Ziele fest, die den Wochenplan mit wechselnden Gruppenangeboten füllen. Die Bandbreite reicht vom Umgang mit Mitmenschen über die angstfreie Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bis hin zur Verarbeitung schlechter Nachrichten, der Nutzung von Tablets und Smartphones, besseren Ernährungsgewohnheiten und Fitness.
All dies bildet die Grundlage für ein menschenwürdiges Leben und soziale Teilhabe – beides rechtlich im SGB IX verankert – und ermöglicht den Besucher*innen der Tagesstätte das große gemeinsame Ziel, das auch nach 20 Jahren unverändert bleibt: So lange, wie es individuell machbar ist, eigenständig im eigenen Zuhause zu leben.
