„Angebunden“ – selbst auferlegte Einschränkungen

Mein Leben mit ADHS zwischen Anpassung, Erschöpfung und Selbstzweifeln

In meiner frühen Kindheit wusste meine Oma sich nicht anders zu helfen, als mich wie eine „grasende Ziege“ anzubinden. Sie musste im Garten arbeiten und gleichzeitig aufpassen, dass das kleine, neugierige Mädchen mit den flinken Beinchen nicht auf die Straße rannte und verunglückte. „Ich band ihr das Ende eines Seils um den Bauch und das andere an einen Baum“, offenbarte sie meiner Mutter und mir in einem Gespräch über mein ADHS und meine Hyperaktivität. Denn als ich laufen lernte, konnte man gar nicht so schnell gucken, wie ich weg war, weil irgendetwas meine Aufmerksamkeit erregt hatte.

 

„Rückblickend scheine ich mich in meinem weiteren Leben jahrelang selbst ‚angebunden‘ zu haben. Statt das Seil zu lösen, lernte ich immer mehr, mich einigermaßen anzupassen, mich zusammenzureißen und irgendwie zu funktionieren.“

 

Sogar die ADHS-Diagnose einer Fachklinik und die erste Auseinandersetzung damit war für mich keine Befreiung. Das lag unter anderem an der Erfahrung, dass ADHS und die daraus resultierenden Schwierigkeiten von meinem Umfeld nicht ernst genommen wurden. Dadurch wurden meine eigenen Zweifel („Ich erfülle gar nicht alle Kriterien, also bin ich doch nur faul und/oder eine Blenderin.“) befeuert.

Vor rund 20 Jahren war noch wenig darüber bekannt, dass ADHS auch im Erwachsenenalter weiter bestehen kann. Sogar ein Facharzt meinte zu mir: „Ich dachte, das sei eine Kinderkrankheit.“ Und in der Öffentlichkeit hieß es oft, dass ADHS eine Modeerscheinung oder eine Erfindung der Pharmaindustrie sei. Deshalb lag in der Zeit der Fokus mehr auf meinen psychischen Begleit- und Folgeerkrankungen (unter anderem chronische Depression). So versuchte ich, meine über Jahre entwickelten und gefestigten Strategien zum irgendwie Funktionieren weiterzuführen und parallel an den allgemein akzeptierteren psychischen Problemen zu arbeiten.

Aber so einfach war und ist das nicht. Viele Abläufe und Tätigkeiten im Alltag, die für andere selbstverständlich und unproblematisch sind, erfordern bei Menschen mit ADHS ein deutlich höheres Maß an Planung, Motivation und Energie. Mit zunehmendem Alter verstärkten sich bei mir die Schwierigkeiten. Zusätzlich spielen bei Frauen hormonelle Schwankungen wie zum Beispiel die Wechseljahre eine Rolle. Ich entwickelte neue Ängste und bestehende verfestigten sich. Zunehmend fühlte ich mich meinen Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüchen, die ich lange einigermaßen im Griff hatte, hilflos ausgeliefert. Mein inneres und äußeres Chaos schien wieder unüberwindbar zu werden. Dazu ließen mich meine sozialen Ängste vermehrt Kontakte zu anderen Menschen vermeiden oder abbrechen.

Und dann hörte und las ich plötzlich, dass ADHS angeblich eine „Superkraft“ sei. Im Internet kursierten und kursieren immer noch zahlreiche Videos zum Thema ADHS. Man findet zweifelhafte Selbsttests, „lustige“ Missgeschicke und Beiträge von attraktiven Menschen, die ADHS als chic und eine erstrebenswerte „Neurodiversität“ erscheinen lassen. Natürlich ist es gut und wichtig, dass das Thema öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Viele Betroffene, besonders weibliche, müssen sich jahrelang unter erschwerten Bedingungen durchs Leben kämpfen, weil sie unter anderem wegen fehlender Diagnose keine adäquate Unterstützung erhalten.

Aber es gibt auch viele ADHSler*innen, die im passenden Job und im richtigen sozialen Netz mit ihren speziellen Fähigkeiten ihr Umfeld bereichern und ein „normales“ Leben führen. Diese besonderen Stärken sind, genauso wie die Schwierigkeiten, nicht gleichermaßen verteilt – ADHS ist ein Spektrum. Über diese Vielfalt und die unterschiedlichen Ausprägungen wird in den Videos meistens nicht aufgeklärt. Und der teilweise extreme Leidensdruck Betroffener wird nicht thematisiert. Oft geht es nur um große Reichweite.

ADHSler*innen, die bei sich keine „Superkraft“ entdecken oder deren ständige Missgeschicke keinen „klickenswerten“ Social-Media-Content abgeben, fühlen sich dadurch womöglich noch unzulänglicher.

Teilweise beobachte ich, dass dieser Internet-Hype, auch wegen dadurch verbreiteter Fehlinformationen, dazu führt, dass ADHS wieder nicht ernst genommen wird. So wie ich es vor 20 Jahren schon mal erlebte. Das macht das Leben Betroffener unnötig noch schwerer.

Menschen, die glauben, sich in den Videos wiederzuerkennen, und die das Gefühl haben, unter diesem Anders-Sein zu leiden, sollten erst mal ernst genommen werden. Ob es sich wirklich um ADHS handelt, muss dann durch qualifizierte Diagnostik festgestellt werden. Dabei werden auch mögliche andere Ursachen für bestehende Probleme ausgeschlossen. Das ist wichtig, um Betroffenen passende Hilfen anbieten zu können. Dazu zählen gegebenenfalls auch Medikamente.

Leider muss man mittlerweile oft monate- bis jahrelang auf einen Platz für eine ADHS-Diagnose warten. Dann auch Unterstützung bei der Problembewältigung zu bekommen, dauert entsprechend länger. Betroffenen kann es besonders anfangs helfen, Spezialist*in für die eigene Störung zu werden. Neben der therapeutischen Behandlung sind für mich der Austausch mit anderen Betroffenen und Bücher zum Thema ADHS eine wichtige Unterstützung. (Siehe Seite 50 Buchtipp Spezial)

Und bitte hört endlich auf, ADHSler*innen zu sagen, sie müssten sich „nur“ anstrengen oder zusammenreißen!

Claudia Kuhlen