Eine Mut-Mach-Geschichte

Sabine Hornung

Ich bin jetzt im 10ten Jahr bei der BRÜCKE tätig und es geht mir gut … meistens.
Das war aber nicht immer so, denn es ging mir auch mal ziemlich schlecht und ich wusste nicht, ob und wie es weitergeht. Ich wusste, dass es wieder eine Depression war, die zuerst mit einem Burnout begann. Eine Depression kannte ich schon, die hatte ich schon durchgemacht, erlebt … überlebt.

 

Beim ersten Mal traf es mich als ich Anfang 30 war und ich meine Oma an den Krebs verloren hatte. Sie war gerade erst 70 Jahre alt geworden und war für mich mehr als „nur“ eine Oma. Sie war meine Mutti, denn ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen und sie waren für mich Mutti und Papi. Ich bin plötzlich eines Morgens aufgewacht und habe nur gedacht: „Ich kann nicht mehr.“ Ich bin ziellos durch die Stadt gelaufen und bin dann „versehentlich“ in der Praxis eines Psychiaters gelandet. Eigentlich wollte ich zu dem Allgemeinarzt, der sich in dem gleichen Haus befand, um mich krankschreiben zu lassen. Aber ich war so durch den Wind, dass ich wohl die falsche Tür erwischt habe. In diesem Fall war es für mich aber die „richtige“ Tür. Ich fand es schon etwas merkwürdig als mich der vermeintliche Allgemeinarzt fragte, ob ich glücklich sei. Was ich ihm erzählte, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Als ich dann jedoch auf der Krankschreibung las „Psychiater“, überkam mich ein Schreck und ich dachte: „Mein Gott, das kannst du nicht auf der Arbeit abgeben. Was sollen die denken, dass ich jetzt verrückt bin?“ Also ging ich nochmal zu dem Allgemeinarzt und holte mir von ihm auch eine Krankschreibung, damit auch ja keiner etwas Falsches dachte. Zuhause realisierte ich dann erst, dass dieser Psychiater vielleicht doch gar nicht so abwegig war und mir aus meiner Krise, meiner Traurigkeit heraushelfen konnte. Und ich ging wieder zu ihm. Über einen langen Zeitraum. Zur Einzel- und Gruppentherapie. Ich wollte mich wieder „normal“ und gut fühlen. Wieder ich selbst werden und einfach mein Leben leben, wieder glücklich sein.

Es war oftmals schwer, sich aufzuraffen und sich nicht hängen zu lassen. Ich wollte es aber unbedingt und ich habe es auch irgendwann wieder geschafft. Ich war wieder ich.

Es vergingen viele Jahre. Es ging mir gut und ich arbeitete inzwischen in Hamburg in einer Reederei als Assistentin. Klar war es ziemlich stressig, jeden Tag mit der Bahn nach Hamburg zu pendeln und auch nicht immer pünktlich Feierabend zu haben, weil die Schiffe ja nun mal 24/7 fahren. Aber ich dachte mir: „Andere Leute schaffen das auch.“ Und es waren doch alle so stolz auf mich, dass ich es so weit geschafft hatte, da konnte ich doch niemanden enttäuschen.

Es war dann eigentlich ein schleichender Prozess. Meine damalige Kollegin wurde krank und fiel aus und ich war nun also Assistentin für drei Geschäftsführer. Die Mittagspause fiel immer öfter aus, ich aß irgendetwas nebenbei, nahm natürlich auch ab. Nach Feierabend habe ich mich auch noch zu Hause mit Excel-Tabellen beschäftigt, weil ich es sonst nicht mehr schaffte. Morgens war der Energy-Drink mein Frühstück, damit ich überhaupt irgendwie in Gange kam. Ich konnte nicht mehr abschalten, meine Gedanken kreisten nur noch um die Arbeit und was mich am nächsten Tag alles im Büro erwartet. Am Wochenende hatte ich überhaupt keine Energie mehr, etwas zu unternehmen, Erholung konnte ich nicht finden. Ich verzettelte mich immer mehr im Büro, kam nicht mehr hinterher. Aber ich musste doch durchhalten, das wurde doch von mir erwartet. Irgendwann konnte ich nicht mehr, mir war nur noch übel und am Sonntagabend war ich gedanklich schon bei der Arbeit und meinem E-Mail-Postfach. Also habe ich mich erst einmal krankschreiben lassen. „Vielleicht reichen ja ein bis zwei Wochen, um mich etwas zu erholen,“ dachte ich. Aus diesen ein bis zwei Wochen wurde eine etwas längere Zeit, nämlich fast zwei Jahre, bis ich wieder arbeiten konnte.

Ich habe nicht mehr gegessen bzw. mein Essen und Essverhalten kontrolliert. Ich „erlaubte“ mir maximal zwei Brötchen am Tag und wenn es dann doch mal mehr war aufgrund von Feierlichkeiten oder so, musste ich es am nächsten Tag wieder „ausgleichen“, ich habe noch weniger gegessen. Dadurch hatte ich natürlich noch weniger Energie. Ein Teufelskreis. Rausgehen oder unter Menschen zu gehen, war für mich auch der absolute Horror.

Ich bin nur noch im Dunkeln zum Einkaufen gegangen, weil mich dann ja keiner sah. Wenn ich an Straßencafés vorbei gehen musste, stieg mein Puls. Ich wechselte die Straßenseite, versuchte mich unsichtbar zu machen.

Eine junge Sachbearbeiterin meiner Krankenkasse rief mich nach ca. 2 Monaten an. Sie erkundigte sich nach meine Gesundheitszustand und ob ich denn auch genug unternehme, um wieder arbeiten zu können. Ich hatte keinen Plan, wollte einfach nur überleben. Sie empfahl mir dann DIE BRÜCKE. Davon hatte ich damals tatsächlich noch nichts gehört bzw. gedacht, dass DIE BRÜCKE nur Menschen mit körperlichen Einschränkungen hilft. Über die Institutsambulanz habe ich dann ziemlich kurzfristig einen Therapeuten bekommen, durch den dann mein Weg bei der BRÜCKE begann. Zunächst hatte ich einige Wochen einen wöchentlichen Gesprächstermin bei ihm. Ich musste auch immer auf die Waage, weil ihm meine Essstörung doch Sorgen machte. Ich wollte mein Gewicht nie wissen, das wäre für mich nur noch mehr Ansporn gewesen, mein Essverhalten zu regulieren. Dann schlug er mir die Tagesklinik der BRÜCKE vor. Der Gedanke gefiel mir ganz gut, denn ich war ja am Nachmittag wieder zu Hause in meiner gewohnten Umgebung bei meinen Katzen. Eine stationäre Therapie konnte ich mir nicht vorstellen. Das einzige Problem war, dass ich dort ja quasi unter Aufsicht essen musste.

In der Tagesklinik blühte ich tatsächlich wieder etwas auf. Der Tagesablauf war wieder geregelt. Ich musste morgens aufstehen, um rechtzeitig da zu sein. Ein riesiger Kraftakt. Ich lernte dort viele Menschen kennen, denen es genauso ging wie mir. Dort fand ich Gleichgesinnte und musste mich und meine Tränen nicht verstecken. Die Zeit dort war für mich sehr gut und hilfreich und mit zwei Frauen aus dieser Zeit habe ich immer noch Kontakt, bin mit einer von ihnen sogar sehr gut befreundet.

Danach ging es weiter mit Ergotherapie. In der sogenannten Papierwerkstatt bin ich so manches Mal total verzweifelt. Wir bekamen Anleitungen und sollten dann danach aus Papier und Pappe verschiedenste Dinge anfertigen, z. B. Bilderrahmen, Klemmbretter, kleine Kästchen mit Schubladen. Ich hatte große Probleme damit, diese Gegenstände anhand der Anleitungen zu basteln. Meine Konzentration ließ zu wünschen übrig und ich musste oftmals von vorne anfangen, weil ich mich immer wieder vermessen hatte.

Es ist eben ein langer Weg, um aus einem Burnout und einer Depression wieder herauszukommen. Man darf die Hoffnung und die Geduld dabei nicht verlieren, auch wenn man zwischendurch immer wieder Rückschläge erlebt und an sich zweifelt.

Doch ich wollte weitermachen. Und es ging auch weiter. Und zwar mit dem 6-wöchigen Reha-Assessment. Auch dort wurde ich mit so einigen Herausforderungen konfrontiert.

Ich setzte mich ständig selbst unter Druck, weil ich mich mit den anderen Teilnehmern verglich, besonders wenn sie eine Aufgabe schneller und besser schafften als ich. Wie sollte ich jemals wieder arbeiten gehen können, wenn ich schon an den kleinsten Herausforderungen scheiterte?!
Dann konnte ich endlich zu AVISTA. Ich erhoffte mir ganz viel von dieser beruflichen Reha. Durch die Möglichkeit, verschiedene Praktika machen zu können, hoffte ich, wieder beruflich durchzustarten. Aber nicht mehr mit einer 40-Std.-Woche. Meine Gesundheit war mir wichtiger. Mein erstes Praktikum habe ich in einem Reformhaus absolviert. Ich wollte mal in etwas ganz anderes reinschnuppern, weil ich mein ganzes bisheriges Berufsleben im Büro verbracht hatte. Es war eine wirklich tolle und spannende Zeit und ich habe dort sehr viel gelernt und viele neue Erfahrungen gemacht. Mein Selbstvertrauen war auf dem Weg der Besserung.

Die damalige Leiterin von AVISTA fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, in Eutin zu arbeiten und dort ein Praktikum zu machen. Da war nämlich die Verwaltung der BRÜCKE Ostholstein. Also begann ich im Sommer 2014 mein Praktikum. Es war schon aufregend. Eigentlich war in Eutin keine Stelle ausgeschrieben, aber scheinbar konnte ich während meines Praktikums den damaligen Chef, Dirk Wäcken, von mir und meiner Arbeit überzeugen, sodass ich nach meiner Zeit bei AVISTA übernommen wurde! Zunächst fing ich mit 20 Wochenstunden an. Über die Jahre wurden die Arbeit und mein Aufgabengebiet umfangreicher und ich bin jetzt bei 30 Wochenstunden. Und damit geht es mir auch gut.

Es war ein langer und keinesfalls einfacher Weg. Immer wieder gab und gibt es Situationen, die mich aus der Bahn werfen, in denen ich verzweifle und einfach nicht mehr kann und nicht weiter weiß. Die Spirale, die mich wieder nach unten zieht. Doch ich habe durch meine ganzen Therapien viel gelernt, auch über mich, und versuche, das Gelernte abzurufen und anzuwenden.

Außerdem habe ich liebe Freundinnen, die mir zuhören und mich auffangen. Und natürlich, nicht zu vergessen, meine tollen Kolleginnen in Eutin, mit denen ich mich auch immer austauschen kann und die mich unterstützen. Ach ja, mit dem Essen habe ich übrigens keine Probleme mehr. Auch nicht mit dem Rausgehen. Ich gehe jetzt sogar ganz alleine auf Konzerte mit über 40.000 Menschen!

Sabine Hornung