Vom Freiwilligen Dienst bis zur erweiterten Geschäftsführung

Dagmar Gertulla im Interview:

Nach über 30 Jahren sagen wir „Tschüss“

Dagmar Gertulla in ihrem Büro in Eutin. An der Wand hängt die Standortkarte der BRÜCKE-Angebote in Ostholstein.

Dagmar Gertulla begleitete DIE BRÜCKE Lübeck und Ostholstein für über 30 Jahre. Ihr Weg im Unternehmen gestaltete sich von einem Freiwilligen Sozialen Jahr bis hin zur Fachleitung und zum Mitglied der erweiterten Geschäftsführung. Über eben diesen Werdegang sowie die damit verbundenen Hürden und Erfolge, haben wir mit ihr gesprochen – und blicken damit auch besonders auf die stetige Entwicklung der Hilfe für Kinder psychisch erkrankter Eltern sowie im Bereich des SGB IX bei der BRÜCKE zurück.

Redaktion: Dagmar, dein Start im Unternehmen war damals in der Tagesstätte in der Engelsgrube. Wie ist es dazu gekommen?
Nach dem Abi 1990 wusste ich noch nicht wirklich, wo es beruflich hingehen sollte und habe im Tageszentrum in der Engelsgrube eine FSJ-Stelle (Freiwilliges Soziales Jahr) bekommen. Wenn ich mich richtig erinnere, startete meine Zeit ziemlich kurzfristig mit einer Ferienfreizeit in den Schwarzwald – Mehrbettzimmer im Naturfreundehaus, tolle Landschaft, für 20 Menschen kochen, viel Spaß und unglaubliche Anstrengungen zugleich, aber so schöne Begegnungen mit den Menschen. In diesem ersten Jahr habe ich Sozialpsychiatrie grundlegend kennengelernt und viel über das Leben mit seelischer Beeinträchtigung erfahren, wie schwer es z. B. für Menschen mit Depressionen ist, gegen die innere Schwere und Antriebslosigkeit in den Tag finden zu können.

Ich habe miterlebt, wie die Umwelt mit Stigmatisierung und Ausgrenzung auf Menschen mit psychischer Erkrankung reagiert hat. Und mir wurde bewusst, wie wichtig eine Begegnungsstätte war und immer noch ist und den Menschen Halt geben kann. Die Atmosphäre kann man mit einem fördernden Zuhause beschreiben, in dem mit Achtung und Respekt miteinander umgegangen und ein „Anderssein“ als selbstverständliche Vielfalt erlebt wird. Humor ist dabei ein wichtiger Baustein in der Arbeit und hilft, etwas mehr Leichtigkeit im Alltag zu erleben.

Zur sozialpsychiatrischen Haltung habe ich sehr viel von Hiltrud Kulwicki gelernt die die Arbeit im Tageszentrum besonders geprägt und mich später viele Jahre als Vorgesetzte begleitet hat.

Nach dem FSJ bist du uns erhalten geblieben. Wie ging es für dich weiter?
Für mich stand fest, dass ich Soziale Arbeit studieren wollte. Der NC (Numerus Clausus) war damals sehr hoch und unerreichbar für mich, ich habe mich fürs Warten entschieden und konnte bis zur ersten Elternzeit 1995 im Tageszentrum als Betreuungskraft weiterarbeiten. In der Zeit habe ich meinen Kollegen Thorsten geheiratet und wir haben eine Familie gegründet. Während der Familienpause war ich im Wohnhaus Kurzer Weg im Rahmen von Nachtbereitschaften tätig. Nach der dritten Elternzeit 2001 bekam ich die Möglichkeit, in der Tagesstätte Kerckringstrasse tätigkeitsbegleitend Soziale Arbeit in Hamburg zu studieren.

Hast du besondere Erinnerungen an dein Studium?
Ich habe während des Studiums zu einem meiner Schwerpunktbereiche „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ gefunden und im Rahmen meiner Diplomarbeit, mit Unterstützung meines Kollegen Matthias Göpfert aus der Abteilung Qualitätsmanagement, eine Erhebung in der BRÜCKE zu diesem Thema durchgeführt.

Wenn Eltern psychisch erkrankt sind, übernehmen die Kinder häufig viel Verantwortung im Familiensystem, sind überfordert und tun alles, um das System zu stützen. Meist verhindert dies, dass frühzeitig erkannt wird, dass die Kinder und ihre Eltern dringend Unterstützung benötigen.

Ende der 1990er begann die Fachöffentlichkeit erstmalig zu erkennen, dass zum Beispiel bei Aufnahme auf eine psychiatrische Akutstation dringend danach gefragt werden muss, ob denn Kinder im Haushalt leben und ob diese gerade versorgt sind. Mit der Befragung wollten wir auch die Angebote der BRÜCKE für dieses Thema sensibilisieren.

Wie hat sich der Fachbereich der Familien- und Jugendhilfe im Laufe der Zeit entwickelt?
Zusammen mit den Kolleg*innen aus der Ergotherapie-Praxis, die sich zeitgleich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und das erste Konzept hierfür erstellt haben, konnten wir das Projekt Pampilio gemeinsam starten und weiterentwickeln.

DIE BRÜCKE war landesweit erneut als Pionierin unterwegs, was nicht zuletzt bis heute der Innovationsbereitschaft aller Geschäftsführer zu verdanken ist.

Wir haben durch das Projekt viel zur notwendigen Sensibilisierung der (Fach-)Öffentlichkeit auf die Bedürfnisse der Kinder beigetragen. Nach erfolgreichem Klinkenputzen an der Tür der Jugendhilfe wurde Pampilio als „Soziale Gruppenarbeit“, auch nach insgesamt vierjähriger Projektlaufzeit, ab 2009 als zartes Pflänzchen refinanziert. DIE BRÜCKE konnte, ausgehend von Pampilio, den Bereich der Jugendhilfe später durch das Engagement von Diana Kuchenbecker und ihrem Team stetig ausbauen. Es war eine intensive und wegbereitende Zeit für mich und das Thema liegt mir nach wie vor sehr am Herzen.

Wie ließ sich deine Arbeit mit der Eingliederungshilfe verbinden?
2008 übernahm ich zusätzlich zum Projekt die Leitung der Tagesstätte Kerckringstrasse – zusammen mit dem Team entwickelten wir ein familienorientiertes Konzept und hielten besondere Plätze für alleinerziehende Eltern vor. Wir erweiterten den Wochenplan um eine spezielle Elterngruppe und haben die Kinder der Besucher*innen in Ferienzeiten mit in unser Programm aufgenommen. Wir wollten Räume für die Kinder schaffen, um über die Erkrankung von Eltern sprechen zu können. Die Kraft in den Familien hat mich sehr beeindruckt und gleichzeitig haben wir die Last und Schwere erlebt, die eine psychische Erkrankung bei allen Familienmitgliedern verursachen kann.

Ab 2012 hast du dann bei der BRÜCKE Ostholstein gearbeitet, wie kam es dazu?
Ich lebe mit meiner Familie in Eutin und dort sollte die Stelle der Regionalleitung neu besetzt werden. Dirk Wäcken war damals in beiden Unternehmen Geschäftsführer und so konnte ich mir einen Wechsel näher an die „Hausaufgaben“ unserer Kinder und in ein erweitertes Tätigkeitsfeld sehr gut vorstellen.

Dirk Wäcken schaut mit Dagmar Gertulla in ihr Abschiedsbuch. Viele Kolleg*innen haben es liebevoll mit Erinnerungen an 30 Berufsjahre bei der BRÜCKE gefüllt.

Wie war der Wechsel nach 20 Jahren?
Sehr spannend! Ich war nicht mehr nur für ein Angebot, sondern für fünf Konzepte in der EGH (Eingliederungshilfe) zuständig. Neben der Leitung der Wohngruppen, den ambulanten Hilfen und dem Tageszentrum gehörten noch die spezialisierten Angebote wie das neu gegründete Druckwerk und die FrauenWeGe zu meinem Aufgabenfeld.
Der Wechsel von einer städtischen Struktur hin zum ländlichen Bereich kam einem Kulturschock gleich. Hinzu kam, dass ein Wandel in den Finanzierungsstrukturen durch neue Leistungsverträge zu anderen und zum Teil auch erschwerten Bedingungen in der Umsetzung geführt hat, sodass die Teams sich besonderen Anforderungen gegenübersahen. Der ländliche Raum hat eigene Gesetze, spezialisierte Angebote mit Komm-Struktur können sich nur schwer etablieren, da sich das Einzugsgebiet von Klient*innen über eine Fläche von 1400 Quadratkilometer erstreckt und man schwer von A nach B kommt. Das bedeutete, dass ich umdenken und bisherige Erfahrungen und Konzepte den Bedingungen des ländlichen Flächenlandes anpassen musste.

Und der Schwerpunkt Familienhilfe? Wie konntest du diesen mit nach Ostholstein bringen?
Wir haben 2013 zusammen mit dem Fachdienst Gesundheit und mit Trägern aus der Suchthilfe eine Fachberatungsstelle, TIPInetz, zum Thema Kinder psychisch belasteter Eltern gegründet. Es geht darum, Netzwerke für die Familien zu schaffen und zum Beispiel Kitas, Schulen und Jugendhilfe dahingehend zu beraten, wie sie im Rahmen ihrer Systeme und im Zusammenspiel mit anderen die Kinder und ihre Familien unterstützen können.
Darüber hinaus konnten wir Prävention seelischer Gesundheit 2015 durch das Programm „Verrückt? Na und!“ an die Schulen bringen. Die Besonderheit dieses Programms ist der Einsatz persönlicher Expert*innen, die im Rahmen eines Präventionstags den Schüler*innen ihre Geschichten, wie sie eigene Krisen im Leben erfolgreich gemeistert haben, erzählen. Jedes Mal wieder ein besonderer Moment, der Schüler*innen nachhaltig bewegt und in Erinnerung bleibt. Nach und nach sind weitere wichtige Projekte in Schulen hinzugekommen.
Kritisch bemerken möchte ich hier, in der Finanzierung, den Projektcharakter der meisten präventiven Angebote, die dadurch zu keiner Zeit flächendeckend dem Bedarf in Ostholstein entsprechen können. Darüber hinaus erfordern sie einen nicht refinanzierten hohen Verwaltungsanteil, der ohne das besondere Engagement unserer wirtschaftlichen Leitung mit ihrem Team der Niederlassung in Ostholstein nicht zu realisieren wäre.

Dazu gehören auch Erinnerungen an ihre Anfangszeit 1990 als FSJlerin im Tageszentrum in der Engelsgrube in Lübeck.

Nichtsdestotrotz hat es dich sozusagen nach Lübeck zurückgebracht – durch die Fusion der beiden BRÜCKEN in Lübeck und Ostholstein. Zu diesem Zeitpunkt warst du bereits Teil der eGF (erweiterten Geschäftsführung). Wie hast du diese wichtige Umbruchszeit für das Unternehmen empfunden?
Eine Fusion führt zu vielen Veränderungsprozessen im Unternehmen. Diese Prozesse zu gestalten, ist für sich genommen schon eine ordentliche Aufgabe. Nun fiel die Fusion zeitlich mit den unglaublichen Anforderungen der Covid-Pandemie zusammen. Zusätzlich galt es, den Paradigmenwechsel im Bundesteilhabegesetz in den wesentlichen Zügen umzusetzen.
Alles zusammen, doch besonders die Pandemie, hat jede*n einzelne*n Mitarbeitende*n sehr gefordert.
Ich habe es als große Verantwortung empfunden, hier täglich neuen Herausforderungen mit größter Umsicht in der Geschäftsführung begegnen zu müssen. Zum Glück war diese Verantwortung gemeinsam zu tragen, sodass wir es alle zusammen so gestemmt bekommen haben. Das macht mich auch ein wenig stolz.

Nun wirst du das Unternehmen verlassen. Du hast es maßgeblich mitgestaltet. Wo siehst du die Zukunft der BRÜCKE und wie wird sich das Angebot weiterentwickeln?

Das SGB IX fordert, mehr selbstbestimmte Teilhabe und sozialraumorientierte Hilfen wie aus einer Hand für Menschen mit Beeinträchtigung zu etablieren. DIE BRÜCKE ist mit ihrer hochengagierten und mit hohem fachlichen Wissen ausgestatteten Belegschaft hervorragend aufgestellt, um diesen Wandel zu gestalten, davon bin ich überzeugt.  Es muss jedoch gemeinsam mit Verbänden und Interessenvertretungen dafür gekämpft werden, dass auch die finanziellen Rahmungen ausreichend gegeben sind. Es gilt, weiterhin auf die Straße zu gehen und laut zu sein!

Im letzten Drittel meiner Berufstätigkeit erfülle ich mir einen langgehegten Wunsch der freiberuflichen Tätigkeit in der Erwachsenenbildung, Supervision und Organisationsberatung.

Nach 30 Jahren BRÜCKE-Sozialisation und so bereichernden Erfahrungen und Erlebnissen mit den Menschen in der BRÜCKE gehe ich mit einer ordentlichen Portion Wehmut und einem herzlichen Dankeschön, sowie mit großer Vorfreude auf die neuen Aufgaben.

Möchtest du deinem Nachfolger noch etwas mit auf den Weg geben?
Ich freue mich sehr, dass mein erfahrener und sehr geschätzter Regionalleitungskollege Thomas Witt die neue Fachleitung in Ostholstein wird. Er ist in Ostholstein sehr gut vernetzt und wird die Projekte und Leistungsangebote mit sozialpsychiatrischer Grundhaltung kompetent und erfolgreich weiterentwickeln. Und Humor, den hat er ja auch! :- )

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen dir persönlich und beruflich alles Gute für die Zukunft.